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Hans, Lieselotte und Lumpi. Rheine. Saugt alternative Grütze in Spanien!
|° Kapitel Sieben
 
 

25.8.00 (12:55) im Zug Den Helder - Amsterdam56

Seit dem Paellaessen ist eine große Lücke entstanden, die es nun zu füllen gilt.
Die folgende Nacht auf den Klippen in Fécamp wurde noch windiger. Das Zelt machte so einen Lärm, das ich manchmal aufwachte.
Am nächsten Morgen waren wir gerade dabei, unsere Sachen zu packen, als plötzlich eine ältere Dame etwas zu uns schrie. Sie klang ziemlich aufgebracht und wir vermuteten, sie würde gleich die Polizei rufen - von wegen wild Zelten und so. Als Jan ein Paar Minuten später seine Isomatte anbauen wollte, war diese wahrscheinlich schon längst in England gelandet. Vom Wind getragen hatte die nämlich einen Abflug von den Klippen gemacht, was uns sicherlich die hysterische Frau mitteilen wollte.

(20:07) noch in Amsterdam Centraal Station im Zug Amsterdam - Berlin Ostbhf.57

Die Isomatte war schon das zweite Opfer, das Jan dem Gott des Windes geschenkt hat. Schon am Vorabend übergab er ihm sein (wirklich abgetragenes) T-Shirt.
Ich versuche, das ganze etwas kürzer zu fassen. Wir sind dann - wie immer über Bréauté50 - Paris Lazare51 - Metro - Paris Montparnasse - nach Versailles52 gefahren. Eigentlich eine ganz schöne Stadt, auch ohne das Schloss, das wir uns natürlich trotzdem angeguckt haben - natürlich nur von außen.
(LIVE im Kifferexpress: In unserem Abteil sitzen 2 Mädels, die sich really clichélike 'bout f**king guys, f**king Berlin and other shit things unterhalten. Very funny!)
Der Park von Versailles sah bei dem genialen Wetter total unwirklich - eher wie ein Gemälde aus. (F**king cool!)
So, fast zwei Stunden auf der Wiese rumgelegen und dann zurück nach Paris. Mit der Metro nach Paris Gare du Nord . Über den habe ich schon was gesagt - nicht sehr einladend! Die LIVE-Einträge aus dem Zug nach Amsterdam sind ja schon recht ausführlich. Aber es ging noch ein wenig weiter.
Ich habe mich dann - kurz nach der Vorwarnung im Tagebuch - wirklich umgesetzt - das heißt, nicht ganz. Ich ging in den Nachbarwagon (ein Liegewagen), um mich in den Gang zu setzen. Als ich sah, dass es dort keine Klappsitze gab, ging ich zurück (Die girls machen gerade das gute dt. Selters schlecht.) und sah im Fahrradabteil ein Mädchen irgendwelche sportlichen Verrenkungen machen (Claudia, 17, aus Génève, wie sich später herausstellte). Sie ist mit noch 7 anderen Leuten durch Europa unterwegs und auch fast am Ende ihrer Tour durch Spanien, Frankreich und BeNeLux. Wie haben uns 1 Std. auf Frz., Dt. und Englisch unterhalten. Ich habe gelernt, dass die frz. Schulbücher für Deutsch eine typ. Familie mit Hans, Lieselotte und Hund Lumpi darstellen, die Camping machen, und Kühe vor sich her treiben. Sehr merkwürdig.
Nach Sonnenaufgang kamen wir in Amsterdam an - mit einer Std. Verspätung - oder muss man die Uhr hier umstellen??
Egal, mit dem nächsten Zug ging es nach Den Helder55, direkt an die Nordseeküste. Es lohnt sich nicht, viel darüber zu schreiben - Vielleicht später...

(21:38) Unsere Abteilbewohnerinnen kommen aus Australia (Sydney). Wir durften ihnen gerade ein paar dt. Standardsätze beibringen, wie "Wo ist die Toilette?", "Verpiss dich!", "Wie teuer ist das?" usw.
Und wir haben ihnen das dt. "beer" schmackhaft gemacht.

Am nächsten Morgen ging es um (12:0?) nach Amsterdam56. Um eines vorwegzunehmen: es gibt viele Gerüchte über Klischees von Amterdam: SIE STIMMEN ALLE! Eine ganze Stadt im Rausch, im wahrsten Sinne des Wortes. Das Gras liegt in der Luft, die Junkies auf der Straße und die leichten Mädels stehen im Schaufenster. Dass es Unmengen an - zugegeben sehr leckerer - Pizza gibt, passt zwar nicht ins Bild, aber dem ist so.

(23:22) im Bhf. Rheine


Wir haben "aus Versehen" unseren Ausstiegsort Bad Bentheim "verpasst", und sind eine Station weiter bis nach Rheine gefahren. Wir liegen im warmen Bhfsgebäude auf dem Boden und warten, bis morgen früh um 5:11 unsere 35-DM-Wochenendtickettour losgeht.
(23:37) Besuch von Wachschutz und Polizei. Um 2:00 müssen wir das Feld räumen, weil der Bhf. geschlossen wird. Um 4:00 können wir dann hoffentlich wieder rein.

Neben dem Wachpersonal nervte uns außerdem ein blöder Visitenkartenautomat mit einer penetranten Melodie und Stimme, die uns alle zwei Minuten aufforderte ihr zu gehorchen.

26.8.00 (11:12) im Bhf. von Lübeck, im Zug nach Bad Kleinen62

Anschnallen und Gehirn abschalten, es geht in die letzte Runde...

2 ältere Damen unterhalten sich über Schriftsteller, über ihre Jugenzeit, über die schlechte heutige Jugend, die ja davon nichts hören will (Ja, bitte!), und nur auf Markenartikel aus ist.
Die eine hat selbstgemachten Brombeerquark mit, und möchte teilen. Wer hat den saubereren Löffel? Die andere hat löslichen Kaffee dabei - wegen den Kopfschmerzen. Die andere wiederum bekommt Spritzen und kann "nicht mehr konkav noch konvex" sitzen (Zitat!). Und alles nur wegen einem schweren Rucksack. Aber wenigstens muss der Schaffner nichts hinterher tragen.
Jetzt packen sie ihre Brotbüchsen aus. Der Ehemann von der Kaffeefrau kann besser Fahrrad fahren als laufen. Um das Teufelsmoor kann man gute Radtouren machen. Wenn man ein Auto hat, macht man so was ja nicht. Bei der einen hat's geknackt, als ob sie jeden Moment durchbricht. Es könnte ein Wirbelbruch sein, wie bei der Frau an der Bushaltestelle. Jener hat der Arzt empfohlen - ja verboten, mit dem Rad zu fahren. Das ist genau nach dem Instinkt der Quarkfrau: "Ich möchte immer laufen!" (Dann lauf' doch, und fahr' nicht mit dem Zug!!!)
Ein Koffer mit Rädern ist praktisch, aber bei Stufen muss man heben. In Spanien hatte sie die Beschwerden noch nicht. Mit dem Nachtzug - es fährt ja nur ein Nachtzug - ist sie von Paris bis über die spanische Grenze gefahren. In Bilbao war das Gruppentreffen mit den Leuten, die geflogen sind.

Also zurück nach Rheine. Um 2:00 sind wir dann zum McDonald's gepilgert und dort bis 4:00 "übernachtet". Rheine und vor Allem seine Bewohner sind sehr merkwürdige Dinge - jedenfalls Samstag früh um 3:00. Der McDo ist das total In-Lokal dort. (Die eine möchte zu Fuß die Pyrennäen überqueren. Super. Jetzt weiß ich, was ich vergessen habe: ein Diktiergerät (Nein, nicht um Jan zu diktieren!). Die Erkenntnis: Im Sommer ist Spanien vertrocknet.
Die eine war noch nie in Spanien, aber in Irland. Die andere sogar in Rom. Die weckt Biogemüse ein, und gibt es ihren Kindern. Rote Beete mögen die nicht. Auch Rote Grütze schimmelt im Kühlschrank.
Die Nachbarin hat eine "alternative" Tochter, die nicht arbeiten geht, sondern sich so durchschlägt - mit Kochen und so. Und jetzt hat sie ein Kind bekommen - und ist unverheiratet - ja, total alternativ eben. Das Verantwortungsbewusstsein für einen selbst geht heute total verloren.
Die eine fragt nicht mehr, weil es dann immer heißt, sie mische sich ein. Irgendjemand wollte eine 4-Zimmer-Wohnung haben, die aber eigentlich viel zu teuer ist. Jetzt bleiben sie in der alten Wohnung und er macht sein Examen.
Die andere geht weg und kommt gleich wieder. Und die Heike fördert das Verhältnis Franziska und Uwe. So war das bei Annett auch.
Und jmd. anderes darf das Kind nur noch alle 8 Wochen sehen. Der Zustellerkollege sieht sein Enkelkind nie. Och nein.
Und der Kinderarzt sagte: "Die nimmt ja gar nicht zu." Und dann gab sie ihr die Brust - und - vielleicht konnte es gar nicht stark genug saugen, vielleicht hatte es keine Kraft. Vielleicht floss es ja auch nicht. Man weiß es ja nicht. Vielleicht hätte man was sagen sollen, aber ich mach' das ja nicht. Vielleicht wäre es besser gewesen.
Letztes Jahr haben sie Mutterboden bestellt. Das kostete dann - ach - ganz viel. Jetzt haben wir einen ganzen Berg Mutterboden da zu liegen.
Als die eine von Amrum wiederkam hatten die Rehe alle Rosen gefressen - die Rehe! Mit dem jungen Trieben! (Anmerk.: NEIN!)
Gleich sind wir in Bad Kleinen.

(14:17) Jetzt sind wir in Wittenberge. Im Zug63 hierher saßen und 2 Polen schräg gegenüber. Die waren als sie einstiegen schon voll, haben aber während der Fahrt noch eine Wodkaflasche leer gemacht.

(17:31) Unsere letzte kleine Etappe der Tour ist angebrochen. Wir sitzen im RE65 nach Fürstenwalde. Mit einem weinenden Auge blicken wir auf die letzten 3 Wochen zurück. Jetzt muss erst einmal alles verarbeitet werden. Auch diese Tagebucheinträge geben nur das Grundgerüst des Erlebten wieder und uns wird sicherlich noch vieles andere einfallen. Auf jeden Fall war es ein großartiges und (hoffentlich) unvergessliches Erlebnis.

Zu guter Letzt habe ich ein paar Zahlen und Fakten zusammengekratzt. Entstanden ist folgendes Datenblatt:

Tour-Fakten
gefahrene Züge (inkl. 1 Bus Schienenersatzverkehr)65
Netto-Fahrzeitca. 130 Std. (5½ Tage)
Metrofahrten in Paris2
zurückgelegte Strecke außerhalb Deutschlandsca. 9000km
längste Strecke (Nizza - Paris)1068km in 11:29h
Übernachtungen gesamt22
~ auf Zeltplätzen9
~ in Nachtzügen7
~ unter freiem Himmel / Bahnhof4
~ "wild" gezeltet2

 
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