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Autoren: Fabian Neumann u. Jan Gottschalk ; Datum: 03/2000 ; Download (rtf, 10kb)
Der Text basiert auf einem Werk von Martin Opitz (??), welches von uns für einen gespielten Dialog etwas abgeändert wurde.

 

Es ist der 2. September 1636 in Danzig. Gryphius und Opitz im Haus des reformierten Predigers Nigrinius – Opitz‘ Wohnsitz. Agnes, die Magd des Hauses, kümmert sich um das Wohlbefinden der beiden, und erledigt verschiedene Dinge im Zimmer und Haus. Es ist später Nachmittag.

Agnes bringt zwei Gläser mit Wein und Saft aus gepressten Holunderbeeren.

Gryphius: witzig, verlegen zu Agnes Sie brauchen sich doch nicht solche Umstände zu machen. Eine schönes Fräulein wie sie... trinkt

Agnes grinst und wünscht zu gehen, vorerst.

Gryphius: Hm...unten im Hafen herrschet heute wieder ein reges Treiben.

Opitz: Agnes, schließen Sie bitte das Fenster! – Wissen Sie...

Gryphius: Schlesien?

Opitz: Verloren! Verlorenes Land, verlorene Welt!

Gryphius: Ja ja, auch ich hab‘ Gottes Zorn erfahren, er, der mir zwei Schüler entriss. Pause Pest..., des Menschen Geisel.

Opitz: Nur die Kaufleute nehmen sich aus, sie mit ihrem Prunk und Pomp, als wären sie ein eigener Stand.

Agnes tritt ein und öffnet das Fenster

Opitz: Fobbis aus Bunzlau und Kohrell und Glogau.

Gryphius: guckt Agnes an Kohrell?! Richtig, richtig.

Opitz: Der Tod des letzten Schutzherren der Schlesischen Flüchtlinge erinnert mich an eines ihrer Werke...

Gryphius: Aha?

Opitz: ...eines dieser Sonette mit ihrem unsäglichen Vermaß. Obwohl – kühn, aber manchmal freilich zu ungebunden! Inhaltlich wurmen mich ihre ungehemmten Schmerzbekundungen, das Jammertalige ihres Tonfalls und die Verdammung der kleinsten irdischen Lust. Maßlos überspitzt! Jedoch auch mir obliegt die Gab΄ des schönen Verses nicht, zumal ich früher ähnlich Nichtendes geschrieben habe. Oft liegt unter Trümmern, ...

Gryphius: ... was seinen Bestand wahre!

Opitz: Sie sagen es. Obendrein sind sie verehrter Freund, zu jung, um alle Welt als Jammertal zu lokalisieren, sich Tod und Moderloch zu wünschen. Pause Lust und Weh müssten noch gelebt werden.

Gryphius trinkt Becher Würzwein leer; starrt auf Nelke und Muskatblüte; rechter Zeigefinger schlägt rhythmisch auf die Tischkante

Gryphius: Zunächst sollte ich, nein die gesamte Poetengeneration, ihnen danken. wir waren regelrecht vom teutschen Versmaß in ihrem theoretischen Werk eingenommen, nichtsdestoweniger waren wir, ohne ihnen Nahetreten zu wollen, vom latinisierenden Schöntun ihres Werkes angewidert. Zeigefinger mahnend erhebend Sie, der hervorragende Opitz, haben meiner Meinung nach ihre Kraft politisierend vergeudet. Der, der vom Kaiser bekränzt, geadelt Opitz, hat der Diplomatie gegeben, was er der Poeterey schuldig geblieben ist, er, der, der regelkundige Opitz, hat Hebungen und Senkungen wegen des Menschen ganze Erbärmlichkeit mit Wortplunder verhängt, er, der immer geschäftige Opitz, hat, solange der Krieg sich zieht, die schmutzigen Geschäfte wechselnder Fürsten besorgt und kann auch jetzt, obgleich im sicheren Hafen, nicht davon lassen, hier dem Polenkönig Wladislaw beratende, den kleinen Vorteil wägende Briefe zu schreiben.

Opitz: Weiter?

Gryphius: Sicher, Sie tun das in Sorge um das arme Schlesien...

Opitz: Das schon wieder katholisch-gepresste Schlesien!

Gryphius: Aber auch um harte Taler!

Opitz: Oha!

Gryphius: Um harte Taler, die ihnen polnisch-schwedisch ausgezahlt worden sind. Für Spitzeltum und "wieselige" Zwischenträgerei. Zweideutigkeit ist es, was ihnen die Sprache verschlägt: der wendige Opitz hat, wie es gerade kam, den Evangelischen gedient und den Jesuiten das antiketzerische Manual verteutscht. In katholischen Messen ist er heuchelnd auf die Knie gefallen. Als Magdeburg fiel – und elend wurde, hat er sogar Schmähgedichte auf die gottesfürchtige Stadt geschrieben, sodass man ihn hätte verfluchen müssen im protestantischen Haus.

Opitz: Mehr...

Gryphius: Und Breslauer Töchtern, man wisse von zweien, hat er durchreisend Kinder gemacht, aber die Alimente nicht zahlen gewollt.

Opitz: Mit den Breslauer Töchtern habe ich mich mehr erschöpft als vergnügt. Aber, Poeterey, mein Freund, Poetery!

Gryphius: Meisterlich, meisterlich. Meisterlich nach ihrem Büchlein über die teutsche Poetery, wahrlich. Aber ebenso ohne notwendiges Empfinden und brennend Wort – sondern von lauem Geschmack!

Agnes deckt den Tisch mit Zinntellern.

Opitz: Jaja, das stimmt alles beinahe. Ich habe mich in kriegswirren Geschäften verzettelt, bin immer mit Botschaften, verbrieftem Hilfsgeschrei unterwegs und in Pflicht gewesen. Vor den Jesuiten musste ich mich fürchten, der Fürstengunst versichern. Trotzdem, ich verstehe mich – wie auch der geschätzte Grotius – als Ireniker, oder Friedensmann. Mich trägt keine Partei, sondern der Wunsch nach Duldung jeglichen Glaubens. Aus diesem Grunde habe ich auch versucht, den Kanzler Oxenstierna in Briefen zu bewegen, die Armee des Kaisers stark zu machen um die Vereinigung der kaiserlichen Truppen mit den verräterischen Sachsen zu behindern. Eigentlich strebe ich gar an, dass sich die Schwedenmacht mit dem polnischen Wladislaw gegen Habsburg verbündet – zumal der Polenkönig immer noch auf die schwedische Krone spekuliert!

Gryphius: Aus diesem Grunde auch ihr Gedicht...

Opitz: Mein Lobgedicht letzten Jahres auf die polnische Majestät, in dem ich zwar des Königs Friedensliebe und klug gewahrte Waffenruhe preise – doch muss ich immerfort, sei es auch zum Schaden der Poeterey, um das schlesische Elend besorgt bleiben, auch wenn ich an diesem heilen Ort Wohnung genommen habe, damit mir überhaupt noch etwas in Versen gelinge. Pause Denn nur darauf kommt es an!

Gryphius guckt Opitz an. Opitz emphatisch.

Opitz: Nachmals ist jeder verß entweder ein iambicus oder trochaicus; nicht zwar das wir auff art der griechen vnnd lateiner eine gewisse größe der sylben können in acht nehmen; sondern das wir aus den accenten vnnd dem thone erkennen, welche sylbe hoch vnnd welche niedrig gesetzt soll werden.

Gryphius ist aufgeregt, kann sich aber nicht artikulieren, denn Agnes betritt lächelnd den Raum, um das Abendmahl zu servieren.

Agnes: Pomuchel – gekochter Dorsch, meine Herren. In Milch gegart und mit Dill abgeschmeckt. Ich bitte sie, um Gottes Willen, nicht mehr zu streiten. zu Opitz Denken sie an ihren leicht zu verstimmenden Magen. Pause, in der sie nachdenkt, und anschließend stolz sagt:
Pomuchel verzanken heißt Liebesgottchen nicht danken.

Gryphius und Opitz gucken sich verdutzt an.


 
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