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Autor: Fabian Neumann; Datum: 12/2000 ; Note: 14 ; Download (rtf, 6kb)

 
Bölls "Ansichten eines Clowns"
Ein Blick zurück und zwei voraus

Ein Liebesroman oder eine kritische Betrachtung der Gesellschaft? Nicht einmal Böll wollte sich festlegen, in welches Genre man "Ansichten eines Clowns" einordnen könnte. Auf jeden Fall ist es die Geschichte eines Außenseiters, der versucht, mit sich und der Welt ins Reine zu kommen.

Der egozentrische Komiker Hans Schnier, kürzlich von seiner langjährigen Lebensgefährtin Marie verlassen, sitzt in seiner Bonner Wohnung und telefoniert im Verlauf von nur wenigen Stunden mit Familienmitgliedern, Freunden und alten Bekannten, meist aus dem Kreis der katholischen Kirche. Die dabei angesprochenen Themen kreisen um seine Gegenwart, um Deutschland und dessen nahe Vergangenheit. Der Geiz seiner Eltern und der Tod seiner Schwester prägten seine Jugend während des Zweiten Weltkriegs. Jetzt in den fünfziger Jahren beobachtet er die Heuchelei der Kirche und die allgemeine Verdrängung der Kriegserlebnisse.

Böll richtete sich immer gegen den Verruf des Begriffes "Trümmerliteratur" und wehrte sich gegen die heile Welt der Groschenromane, die im Nachkriegsdeutschland einen Boom erlebten. Ohne auch nur den Anschein eines Antikriegsromans setzt sich "Ansichten eines Clowns" auf eine teilweise zynische und ironische Weise mit dem Schrecken des Krieges auseinander. Zum Beispiel mit Schniers Mutter, die im Krieg gegen "die jüdischen Yankees" kämpfte und nun als Vorsitzende einer Gesellschaft zur "Versöhnung rassischer Gegensätze" arbeitet.

Bölls Roman ist der Beweis dafür, wie schnell Gegenwart zu Geschichte werden kann. Wenn auch subjektiv und vielleicht allzu kritisch, ist das Buch ein lebendiges Zeugnis der Geschichte, die es selbst mit prägte. Das Buch trieb die Gesellschaft voran und beschleunigte somit seinen eigenen Alterungsprozess. Es ist geeignet für Melancholiker und für alle Atheisten, die in ihrem Nichtglauben bestätigt werden möchten. Für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Themen wie Religion, Politik oder Moral sind Schniers Ansichten zu subjektiv und von egoistischem Denken geprägt, was sicherlich genau Bölls Absicht war. Nämlich die Gesellschaft seiner Zeit aus dem Blickwinkel eines Außenseiters zu betrachten. Es bietet mit seinen provokanten Thesen aber einen guten Einstieg, auch um über die heutigen Zustände unserer Gesellschaft nach zudenken.


 
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