°|Stuff : Home : about : Java : Interrail |Stuff : www : Guestbook  
 
Autor: Fabian Neumann ; Datum: 07.11.2000 ; Note: 14 ; Download (rtf, 9kb)

 
Charakteristik des "Clowns", Hans Schnier

Bölls Protagonist Hans Schnier ist männlich und 27 Jahre alt, was keinesfalls als ein "eindeutiges" Alter zu bezeichnen ist. In vielen Dingen denkt er noch jugendlich, fast kindlich. Viele Erinnerungen, die im Buch wiedergegeben werden spielen in früherer Zeit, das heißt, das momentane Alter spielt nur eine zweitrangige Rolle. Viel wichtiger ist seine soziale Situation und sein Zustand, der auf den vorangegangenen Ereignissen beruht.

Das Buch ist aus der Ich-Perspektive geschrieben. Die Charakterdarstellung beruht aus diesem Grund nur auf dem Handeln des Clowns und aus seinen Selbstreflexionen.

Hans ist von Beruf Clown aber zur Zeit arbeitslos, ohne Einkünfte oder Ersparnisse. Dazu kommt, dass er von seiner langjährigen Freundin und "Fast-Ehefrau" Marie Derkum verlassen wurde. Er beschreibt sich selbst als melancholisch, monogam und hat ganz bestimmte Moralvorstellungen. Sein moralisches Denken wurde vor Allem von seinen Eltern in seiner Kindheit geprägt. Und zwar in der Beziehung, dass er sich mit ihnen moralisch überhaupt nicht identifizieren kann.

Urteile über seine Umwelt sind immer subjektiv, was für ihn sehr bedeutsam ist. Er hasst das geordnete, durch Regeln bestimmte objektive Verhalten der Gesellschaft. Subjektiv bedeutet in dem Fall meistens auch emotional und egoistisch. Aus dieser Verschmelzung resultiert eine gewisse Intoleranz den Menschen gegenüber, die nicht nach seinen Vorstellungen handeln.

Ich kann jedoch nicht hundertprozentig behaupten, dass ich ihn als Egoist einschätze. Vielmehr handelt es sich bei Schnier um eine zwiegespaltene Persönlichkeit. Einerseits ist er überzeugt von dem was er tut und empfindet es für das Richtigste. Dazu zählt unter anderem seine Berufswahl, und er bezeichnet sich auch stolz als "Clown", obwohl die, wie er sagt, gesellschaftlich besser anerkannte Bezeichnung "Komiker" vielen Leuten in seinem Bekanntenkreis besser gefallen würde. Aber Anpassung ist nicht sein Stil. Provozierend und ein wenig respektlos hebt er sich von seinem konservativen, etablierten Elternhaus ab. Außerdem hasst er den Assimilierungsgedanken des Katholizismus.

Andererseits ist zweifelt er manchmal an sich selbst und ist unzufrieden, melancholisch, fühlt sich missverstanden und hegt Selbstmitleid. Er erkennt seine Fehler, ist aber unfähig, sie zu beseitigen: "Ich hasse unaufgeräumte Zimmer, aber ich bin selber unfähig aufzuräumen." (S. 219). Er ist inkonsequent und macht sich was vor: "Ich wußte auch, daß ich das alles nicht tun würde: nach Rom fahren und mit dem Papst sprechen [...] [,] bei Mutters "Jour fixe" Zigaretten und Zigarren klauen [...]." (S. 236).

Seine Zwiespältigkeit verunsichert ihn oftmals selbst und bringt ihn dazu, sehr selbstkritisch mit sich umzugehen. Als er sich selbst nicht mehr sicher ist, ob er das, was er Marie über den Jungen der zum Bahnhof ging, wirklich wahr gewesen ist, wird er sich langsam seiner eigenen Schuld an der Sache bewusst. Er entlastet sogar die "Kreismitglieder", wenn er sagt, "Marie war weggegangen, [...] aber wenn sie hätte bei mir bleiben wollen, hätte keiner sie zwingen können, zu gehen."

Er spielt mit anderen Menschen, die er nicht mag, indem er ihnen zynische Bemerkungen seine Sicht der Dinge klar macht. Dabei nimmt er gern das Risiko in Kauf, auch einmal die Grenzen zur Takt-, Respekt- oder Geschmacklosigkeit zu überschreiten. Als er zum Beispiel sagt, er dächte, dass "katholischen Geistlichen [die] Teilnahme an der Jagd verboten [wäre]" (S. 92) und damit den anwesenden Katholiken ihre Verlogenheit offenbart.

Eine andere Seite zeigt er im Umgang mit Menschen, die er mag oder liebt. Er weint mit Marie, versucht ihr zu helfen und bringt viele Opfer. In einer Glaubenskrise Maries leistet er sogar Überzeugungsarbeit für die Kirche. Trotzdem ist sein Ego so stark, dass er es nicht zulässt, den Ehevertrag zu unterschreiben, der ihn zu einer katholischen Erziehung seiner Kinder zwingen würde. Ein weiteres Beispiel ist seine Schwester Henriette: als er von ihrem Tod erfährt, vernichtet und verbrennt er in blinder Wut und Verzweiflung innerhalb von wenigen Minuten ihre gesamten Hinterlassenschaften.

Hans' äußeres Erscheinen ist ebenfalls wichtig: neben der obligatorischen Schminke, die er, wie er selbst sagt, benutzt um sich zu verbergen, ist vor Allem seine Mimik und Gestik ein wichtiges Werkzeug. Er verbringt minutenlang vor dem Spiegel um sich so lange anzustarren, bis er nur noch "Leere" sieht. Außerdem hat er Spaß daran Menschen zu verunsichern: so zum Beispiel seinen Vater, dem er einen Blinden so real vorspielt, was diesen völlig irritiert (S. 165).

Was den Leser vielleicht zunächst irritiert ist zugleich das Auffälligste des Buches: Hans lebt viel in seinen eigenen Gedanken, einer inneren Realität. Verwirrend sind dabei die teilweise kaum nachvollziehbaren Assoziationsketten. Er selbst ist sich manchmal nicht sicher, ob Ereignisse in der Realität oder nur in seiner Vorstellung geschehen sind, zum Beispiel das Durchsägen von Holz mit seinem Bruder. Das alles nimmt er nicht einfach so hin, sondern setzt sich gedanklich immer wieder damit auseinander.


 
  webmaster@fnsite.de | ICQ 87354612 | updated: 27.09.2001 © 2001